Kontakt:
mail["ätt"]edition-leselust.de
Aktuelles > Bester Beitrag der Anthologie 2007 "Begegnungen" 
Bester Beitrag der Anthologie 2007 "Begegnungen"

Ursula Mayer
Leben - nur ein Augenblick?

Gibt es etwas auf dieser Welt, das keinen Schatten hat? Alles ist Leben, alles hat eine Seele, alles einen Schatten. Jeder sieht ihn, wenn Licht auf den Träger der Seele fällt. Auch, wenn er nicht zu sehen ist, weil das Dunkel um uns ist, ist er doch stets eins mit dem, dem er angehört. Bei den Seelen ist es umgekehrt. Untrennbar verbunden mit dem Körper, in dem sie wohnen, sind sie das Licht in uns. "Seelen" die stille Sprache unseres Herzens; macht- und besitzlos, haben nichts zu geben, was wäg- und messbar ist - doch sie sind die Wahrheit des Lebens. Ihr einziges Verlangen: den Menschen, dem sie angehören, glücklich zu sehen. Gehen jeden Weg mit ihm, sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert - haben keine Waffen, keine Werkzeuge, nur sich selbst. Und die unbe-grenzte Fähigkeit zur Freude, zum Leid. - Das ist alles. - Eine frohe Seele lässt den Körper, in dem sie wohnt, im Licht stehen, er strahlt, verbreitet Lichtvolles - wenn die Seele Leid verspürt, so muß sie Schatten über uns werfen - Dunkel, Leere, Trauer und Schmerz sind die düsteren Begleiter, die Seele weint. - Soll eine Seele die Erde besuchen, bekommt sie einen Menschen. Ein Menschenkleid wird ihr übergeworfen, in dem sie wohnen wird. Jeder Körper verfügt über sichtbare und unsichtbare Eigenschaften. Mit den sichtbaren ist es so eine Sache. Jeder kennt das. Da hat man nun etwas bekommen, das man sich beileibe nicht ausgesucht hat! Sein Äußeres! Ein Haus also, dem man zugewiesen wird mit der Auflage, es so zu nehmen, wie es ist, an einem zugewiesenen Platz, mit kompletter Inneneinrichtung. Man ist verantwortlich für Erhaltung und Pflege. Kann nicht wechseln, austauschen, verkaufen - nicht einmal gewinnbringend vermieten! Fazit: Man kann es nicht verlassen. Denn es gibt keinen Ersatz dafür, man ist sozusagen obdachlos! Bestenfalls kehrt man dahin zurück, wo man hergekommen ist mit der vagen Aussicht, woanders einquartiert zu werden, wo es vielleicht noch weniger angenehm ist. - Kaum hat man es bezogen, sich umgeschaut, versucht, sich behaglich zu fühlen, stellt man jede Menge Mängel fest. Mängelrügen müssen erfolgen, bevor man ein Objekt übernimmt. Es gibt sohin keine Chance auf Behebung durch den Vermieter. Es gibt ausschließlich die begrenzten Möglichkeiten, selbst, auf eigenes Risiko und eigene Kosten, Änderungen vorzunehmen. Was passiert also? Manche versuchen, ihr Haus neu auszustatten, umzugestalten, Fassaden zu verändern und zu erhalten, dass es ungebraucht, nicht abgewohnt aussieht. Und vor allem die Reparaturspuren zu verbergen. Jeder fragt: Wie machst du das, daß dein Haus so jung aussieht?! Andere legen keinen Wert auf äußere Repräsentanz, einige, weil sie meinen, es lohne nicht, auch nur ein Quentchen Aufmerksamkeit in ein gemietetes, nicht gewolltes Objekt zu stecken. Einige gehen gar grausam mit ihrem Quartier um und machen über kurz oder lang eine Ruine draus, in der es höchst schlecht und unbequem zu wohnen ist. Der Mensch wird krank. Sehr viele Menschen vergessen gerne, dass sie nicht allein wohnen - dass ihre Seele mit ihnen wohnt. Diese wahrhaft armen Seelen führen ein trauriges Schattendasein. Sie weinen, niemand sieht ihre Tränen, sie werden dunkel. Ihr Kummer, dass sie das Haus ihres Menschen nicht mit strahlendem Licht erfüllen können, ist unsagbar. Hin und wieder begegnen diese dunklen Menschen anderen, die das Geheimnis ihrer Seele gefun-den haben und mit ihrem Licht, ihrer lebensspendenden Wärme alles erhellen. Für viele dieser armen Seelen hat so eine Begegnung schon die Rettung aus trüber, auswegloser Dunkelheit bedeutet. Manche Menschen merken viel zu spät, dass sie solch lichtvollen Wesen begegnet sind. Die ihr Licht gerne teilen würden, damit jeder stärker leuchte. Diese Menschen halten ihr Licht lieber geheim - wollen nicht teilen, nicht gemeinsam leuchten, lieber allein weitergehen. Solche Menschen müssen noch lange weiterwandern auf ihrem Weg, auch wenn er nicht mehr ganz so im Dunklen liegt.

Sie saßen einander gegenüber - der Mann und die Frau - vor Minuten waren sie noch Fremde. Zusammengewürfelt am gleichen Ort, jeder mit einer Aufgabe betraut, ohne Berührungspunkte. Das Leben hatte für sie bislang nur kurze, zufällige Begegnungen bereit. Für Sekundenbruchteile verfingen sich ihre Augen, wenn sie sich gegenüberstanden. Augen und Blick fanden sich in lächelnder, geheimnisvoller Selbstverständlichkeit. Gleich einem Lichtstrahl, der sich im Prisma der Iris des anderen aufteilte zu einem Farbenspiel, dessen Intensität sich nur ertragen ließ, weil er in der Sekunde des Erlebens bereits vergangen war.

Die Frau hatte ihren Aufenthalt grundlos, spontan abgebrochen, reiste ab, der Mann bat, sich ihr anschließen zu dürfen. Sie gingen zusammen. Ihre Schritte glichen Zahnrädern, die mit ruhiger Präzision den eigenen Kreis um den eigenen Mittelpunkt drehten. Drehung um sich selbst setzt anderes in Bewegung - findet sich für Momente zusammen, fügt sich ein in die Materie des anderen, verbindet und trennt sich im gleichen Augenblick. Beide spürten eine unerklärliche Vertrautheit, die sie einander nicht mitteilten. Die Frau stieg in den Zug, als wäre dieses Gebilde aus Stahl, Eisen und Elektrizität - den Bauch prall gefüllt mit atmosphärischen Rückständen zahlloser Identitäten, Schicksalen, Begegnungen - als wäre dieser Zug der paradiesische Platz, den sie niemals mehr verlassen müsste. Der Mann behütete und geleitete sie mit freudigem Stolz, sorglich, achtsam, er fühlte, bereits am Anfang dieser Reise dort angekommen zu sein, wohin er gehörte. Lachend plaudernd, ihre lockere Leichtigkeit scheinbar unbefangen vor sich her tragend, waren sie doch, jeder für sich, wachsam. Bemüht, das Gegenüber diese selige Vertrautheit nicht spüren zu lassen. Der Mann erging sich in ausführlichen Schilderungen beruflicher Erfolge und der weniger erfolgreichen Ehe. Er brillierte mit zahllosen Anekdoten aus seinem Leben. Die Frau zeigte amüsierte Gelassenheit, gepaart mit jenem anziehend-herausfordernden Lächeln, das den beeindruckenwollenden Erzähler nie aus der Gewissheit entlässt, freundlich angehört und doch nicht ernst genommen zu werden. - Unmerklich für die beiden kamen ihre Seelen zum Vorschein, zaghaft, schattenhaft, von durchsichtiger Farblosigkeit. Zu viert saßen sie nun am kleinen Tisch des Speisewagens. Die ausgeklügelt platzsparende Enge bot keine Möglichkeit zur Wahrung sicherheitsspendenden körperlichen Freiraums. Leicht, mit der schwerelosen Selbstverständlichkeit des Blattes, das sich dem Lufthauch anvertraut, der es sicher zu Boden bringt, neigten sich die Seelen einander zu. Begannen zu fließen, eins zu werden in der Berührung. Leuchteten, nun nicht mehr grau. Das Spiel des Erkennens und Berührens ließ sie erstrahlen gleich einem Regenbogen, der alles umspannend aus dem Nichts kommt und sich im Nichts verliert. - Die Frau und der Mann hatten ihre Wachsamkeit verloren. Der Mann hörte sich über berufliche und private Visionen sprechen, wie selbstverständlich bezog er die Frau darin ein. Sie merkte nicht, dass sie völlig bereitwillig diesen angebotenen Platz an seiner Seite eingenommen hatte. Ihre Hände fanden sich gleichzeitig. Das verwunderte sie. Berührungen über das normale Begrüßungsmoment hinaus mochten sie nicht. Der Waggon wurde zu dem vertrauten, gemeinsamen Ort, der penibel eingehaltener Grenzen nicht mehr bedurfte. - Ein achtlos gesprochenes Wort ließ sie unsanft erwachen. Der glückliche Augenblick des Einsseins wurde jäh unterbrochen - die Seelen verblassten. Es schien, als winkten sie einander eine letzte lächelnde Botschaft zu - bevor sie in die graue Unsichtbarkeit zurückkehrten. - Vor dieser Begegnung war das Bestreben der zwei Menschen tatenreiches Bemühen um messbaren Erfolg gewesen. Beide hatten alles daran gesetzt, das Haus, in dem sie wohnten, so beeindruckend wie möglich zu gestalten, genossen es, bewundert, geachtet und geschätzt zu werden. Ihr Licht war hell, doch oft war es ihnen, als frören sie. Sie behandelten ihre Seelen wohlwollend, mit herablassender Gutmütigkeit. Gleich einem geduldeten Gegenstand, dem man ein gerüttelt Maß an ordentlicher Versorgung zukommen lassen musste, wollte man sich nicht mangelnde Pflichterfüllung vorwerfen. Alles, was diesem glanzvollen Vorwärtsschreiten hinderlich schien, wurde beiseitegeschoben, bestenfalls in Evidenz gehalten. So wandten sie sich im gleichen Augenblick voneinander ab, als sie spürten, dass der Wunsch, sich dem anderen völlig hinzugeben, auch das Verlassen ihres bislang so eifrig beschrittenen, großartigen Weges bedeuten würde. - Am Ende der Reise versicherten sie einander Abschiednehmend, im eigenen Leben unabkömmlich zu sein. In vollkommener Übereinstimmung und lächelnder Akzeptanz. -

Zuweilen, in den geheimnisvollen Stunden zwischen Tag und Nacht, wo die Zeit still zu stehen scheint, die Luft erfüllt ist mit dem Flüstern des Unsichtbaren in und um uns, treffen sich ihre Seelen auf dem Regenbogen aus Farben und Strahlen, den sie einst betreten hatten. Auf jenem Regenbogen, der alles umspannend aus dem Nichts kommt und sich im Nichts verliert, dem nicht endenwollenden Reigen der lichten Seelen. Im stillen Einverständnis, sich an der Erinnerung zu wärmen. An diesen einen Moment des Findens, Erkennens und Berührens, an den goldenen Augenblick des glücklichen Gebens und Verschenkens, dessen Intensität sich nur ertragen ließ, weil er in der Sekunde des Erlebens bereits vergangen war.

Veröffentlicht am: 20.10.2007