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Bester Beitrag der Anthologie 2008 "Begegnungen"

Elke Therre-Staal
Das Ende von Ludwig von Thüringen

Diener: »Er ist ohnmächtig. Fühlst du seine heiße Stirn? Er zittert. Binde ihm die Beine zusammen, fester! Und nun aufs Lager heben. Er kommt zu sich, er schlägt um sich.«
L: »Weg, Satan, weg!«
Diener :»Herr, wir heben Euch ins Bett. Ihr seid krank!«
L: »Fort, Gewürm! Nehmt mir die Fußfessel ab!«
Diener: »Wie stark er ist. Er hat die Bänder zerrissen.«

1.Tag
Herr, Ihr taumelt. Stützt Euch auf mich. Pass doch auf, du Tölpel, siehst du nicht, wie ihm die Beine wegknicken? Helft uns, Ihr hohen Herren. Unser lieber Herr Ludwig ist ohnmächtig geworden.
Weg von meinem Herrn! Nur ein christlicher Arzt darf zu ihm, das habe ich der Gräfin versprochen. Ein Heide ist dieser Muselmane, er gehört auf den Scheiterhaufen. Er fühlt den Puls, er besieht seine Zunge, was murmelt er so Unverständliches? Er reicht unserem Herrn einen Trank. Herr, trinkt es nicht! Eure Gemahlin hat es verboten. Spuckt das Hexengebräu aus. Wir werden Euch an Land bringen, fern vom Falkenauge des Kaisers. Der hat seine Seele doch schon dem Teufel verschrieben. Wie ich höre, ist er auch erkrankt.
Nein, es geht nicht nach Hause, Herr. Wir sind weit weg von unserer Heimat. In Otranto sind wir, im Süden Italiens. Morgen wollt Ihr in See stechen, die Galeassen sind bereit, die Ruderer vollständig an der Zahl und angekettet. Gerade werden die Proviantfässer an Bord gebracht. Hört Ihr sie? Sie singen, als wäre die Arbeit dann leichter. Andere Menschen hier in Apulien, wie Kinder.
Verzeiht, Herr, dieses harte Boot bietet kein weiches Lager. Die Fahrt müsst Ihr noch überstehen. Heftige Krämpfe werfen Euch hin und her, das Boot kentert gleich. Ihr müsst erbrechen? Junge, halt ihn fest, er droht über Bord zu stürzen. Da kommt das opulente Mahl aus seinem Mund geschossen, gänzlich unverdaut. Ihr habt gespeist nach Art des Kaisers, viele Gänge, die Gewürze, das seid Ihr nicht gewohnt. Gute thüringische Kost ist es, was mein Herr braucht. Ihr seid gewisslich vergiftet durch die schwarzen Hände dieser kaiserlichen Köche und durch ihre magischen Gewürze.
Mein Junge wird Euch afterwärts säubern, Wasser ist genug da. Und wie warm es ist!
Die Mücken aus den Sümpfen sind eine rechte Plage, besonders abends. Die Herbststürme haben noch nicht begonnen.
Tolpatschiger Bub! Musst du den Eimer leeren, wenn wir gerade anlegen? Herr, vergib dieser Kreatur. Am heimatlichen Hofe hättet Ihr längst meinen Kleinen gezüchtigt. Ihr seid so anders, edler Herr!
Junge, er verdreht die Augen. Lauf! Hol ein paar starke Männer. Unser Herr ist nicht leicht, und hat noch zugelegt nach dieser Reise mit dem Kaiser. Hier geht es anders zu als am Hofe zu Eisenach, wo die Gräfin die Bissen zählt, auf dass die Armen vor den Toren noch genug bekommen von der fürstlichen Tafel.
Euch ist nicht wohl? Ihr glaubt zu sterben? Nach einem Arzt habe ich schon gesandt. Der dunkle Muselman wollte Euch einen Trank geben und mir zur Vorschrift sagen, was Ihr essen oder eben nicht essen und trinken solltet, Diät benannte er das.
Ich habe gesehen, als wir noch in deutschen Landen waren, wie er einer armen Frau Knoblauch und Senf verbot. Dabei war sie vom Dämon besessen, der erst ausfahren konnte, als der christliche Arzt ihr den Schädel eröffnete. Da ward ihre Seele gerettet.
Ihr zittert, die Zähne schlagen aufeinander. Ihr friert, als wären wir im Lausitzschen Winterlager. Wir hüllen Euch in Decken. Schlaft, Herr! Möge Gott, der Allmächtige, Euch bis morgen die Kraft geben für die große Fahrt ins Heilige Land und für den Kampf gegen die Ungläubigen.

2.Tag
War das eine Nacht. Geschrien hat der Herr, der Kopf würde ihm gespalten, er tobte, als wäre er im Schlachtgetümmel. Wir haben ihn fesseln müssen, denn er schlug sich mit dem Kopf an die Wand blutig. Aber diese roten Flecken am Körper sind erst heute Morgen gekommen.
Glaubt mir, Herr, nur ein Aderlass kann Euch noch helfen. Ihr seid voll von schwarzem Gift, Euer Stuhl zeigt es, Eure Finger und Zehen verfärben sich schon.
Habt Ihr wegen der Schmerzen geschrien! Mich dünkte, Ihr hättet Eurem ehrwürdigem Vater Rede und Antwort gestanden. Er habe noch keinen Frieden gefunden, so sprach er aus Eurem Munde. Er war voller Anklagen, Ihr habet ihn bei der blutigen Rache Ottos im Stich gelassen, Verräter nannte er Euch, Ihr hättet Euch gegen ihn gewandt. »Der Sohn gegen den Vater«, so schrie er. So schriet Ihr. Versprochen habt Ihr ihm, nach der Rückkehr ein prächtiges Grabmal für ihn zu bauen. Gewimmert habt Ihr, Ihr hättet doch alles in seinem Sinne getan, sogar den Zwist mit dem Erzbischof zu Mainz hättet Ihr seinetwegen gewagt. Ich habe Euch das Kreuz auf die Brust gelegt, da ward Ihr ruhiger. Habe jeden Winkel ausgeleuchtet, gebetet haben wir an Eurem Bett. Seht, welch edle Gefolgschaft um Euch versammelt ist. Man will Euch sagen, dass heuer kein Schiff den Hafen verlassen wird.
Hört Ihr die Glocken? Trauer ist angeordnet.
Eine Kunde hat uns alle entsetzt: Des Kaisers Gemahlin ist in Brindisi im Kindbett gestorben. Gott hat seine schützende Hand über das Kind gehalten, es lebt. Aber der Kaiser hat jedwede Tätigkeit für heute verboten, so auch die Wasserträger.
Ich gebe Euch Wein, Eure aufgerissenen Lippen haften am Becherrand, die Zunge ist geschwollen, ich benetze Euch mit einem getränkten Tuch.
Ich soll die Herren fortschicken? Ich aber bleibe bei Euch, habe es der Fürstin versprochen. Werde mich vor Euch werfen, wenn ein krummsäbeliger Teufel Euch niedermetzeln will.
Der Medicus spricht, Ihr sollt Euren Urin trinken. Aber Ihr könnt ja nicht Wasser lassen, wie soll ich ein leeres Gefäß füllen mit heilsamem Trank?
Der Bote vom Kaiser will Euch sprechen. Ich werde ihm sagen, Ihr seid zu schwach, um vor den Kaiser zu treten und ihm Eure Trauer um den Heimgang seiner Gemahlin Isabella darzubringen. Warum schaut Ihr so wild?
Weil der Bote berichtet hat, dass auch der Kaiser darniederliegt? Ihr denkt an Eure Gemahlin, die auch guter Hoffnung ist und in Bälde niederkommt? Es ist Euer drittes Kind, sie kennt schon die Prozedur, sie ist eine tapfere, starke Frau und sie steht unter Gottes Schutz, Herr!
Aber Isabella, wie jung die Ehe noch war, Tod nach drei Jahren Gemeinschaft mit dem Jungen aus Apulien. So spricht man von ihm, wisst Ihr das nicht? Wie ein Kind, das den Fliegen die Beine ausreißt, so hat er Experimente gemacht mit Menschen, als wäre er Gott selber. Und oft hat er die höfischen Sitten missachtet, denkt nur an Euren Ritterschlag. Keine Schwertleite wie zu Lebzeiten Eures Vater erblickte ich. Ich schwör’s, Euer erlauchter Vater empfing den wuchtigen Schlag, breitbeinig wie eine thüringische Eiche stand er da und wankte nicht. Aber Friedrich muss ja überall neue Sitten einführen und zu Regeln erklären, die dann allerstrengstens geahndet werden. Nur gerade angetippt hat er Euch mit dem Schwert, wie erging es Euch, so wenig gefordert in Eurer kampfbereiten Mannbarkeit? Euch liegt doch das Schwert wie ein Freund in der Hand, mein starker, großer Herr Ludwig!
Und was auf des Kaisers Mantel steht, magische fremde Worte, so trat er bei der Krönung Gottes Stellvertreter entgegen. Ist er nicht auch gesandt vom Fürsten der Dunkelheit? Herr, jetzt kann ich es ja bekennen, Eure liebe Gemahlin hat große Angst um Euch, nicht nur allein wegen der Gewalt der Heiden, denen Ihr Euch tapfer entgegenwerfen werdet. Sondern auch um den Einfluss des Kaisers, der alles studiert (Faust!!) und doch ein unglücklicher Mann ist, in Gottesferne vereinsamt ohne seinen himmlischen Vater. Sein Apulien, spricht er, das Land, wo die Zitronen blühen, als hätte er nie einen festen deutschen Apfel gekostet.
Ach Herr, ich rede und Euch hat das Fieber im teuflischen Bann. Wie? Ihr wollt dem Kaiser einen Brief senden? Ich rufe nach dem Schreiber.
Lasst mich, bis er kommt, Euch betten, habt alles mit Eurem Schweiß durchtränkt.
Dass Ihr noch diesen Saft habt, wo doch der Aderlass so viel erbrachte, dass ich voll Hoffnung eine Wende in Eurem Befinden zu spüren glaubte.

3.Tag
Wie ruhig unser Herr die Nacht verbrachte. Rosig sind seine Wangen! Doch sieh, die roten Flecken sind wie große Rosen zusammengeflossen. Nein, nein, mein Junge, es ist nicht der Tod, der hier sein Signum zeichnet. Das Leben ist es, über Nacht zurückgekehrt. Meine Gebete sind erhört. Da, will der Antichrist wieder an Euer Krankenlager, will wegnehmen die Kraft, die gerade wiederkehrt? Ich lasse es nicht zu. Oh, gnädiger, durchlauchtigster Kaiser, verzeiht, ich sah Euch nicht hinter des riesigen Mohren Gestalt. Ich bin unwürdig, Eure Füße zu küssen. Gnade, Herr Kaiser! Ihr wollt Wasser für den Kranken? Holt Wasser für den Heilkundigen aus den fernen Landen. Ich gehe lieber selbst, ich lasse Euch allein, nur ungern, aber wenn Herr Ludwig es will. Ich sehe es an Eurem Blick, fast seid Ihr wieder der Alte, dieses kühne Feuer, wie gut kenne ich ihn, habe ihn doch begleitet sein Leben lang, als er noch ein Knabe war, lag es in meiner Obhut, ja, ja, ich gehe schon.
War ja nun nicht mal zwei Stunden fort, habe mich gereinigt und etwas zu mir genommen, da höre ich schon von weitem das Schreien.
»Elisabeth«, er ruft nach ihr. Oh welche Qual, was tue ich. Diese jammervolle Stimme. Er wolle nicht sterben. Ich muss zu ihm. »Nein, Herr, Ihr sterbt doch nicht. Das sind die Rosen der Liebe, Eure Gemahlin schickt sie Euch, sie hat das Lager damit geschmückt und nun leuchten sie auf Eurer Haut. Seht nur, Herr!«
Was ist das für ein dunkler Trank? Der Kaiser trinkt auch davon, man solle auch Ludwig alle zwei Stunden davon geben, befiehlt er mir. Ach, wie soll ich vor Gott bestehen, das ist doch das Elixier des Teufels. Doch welche Stimme dröhnt aus Ludwigs Leib?
»Nach qualvollem Verrat wirst du den Sohn bestatten!« Grauen kömmt mich an, er weist auf Friedrich mit zitternder Hand, er hat sich aufgerichtet, diese Kraft ist unnatürlich, es ist das Gebräu, ich ducke mich an der Wand entlang, ich muss den Trank entfernen, ohne dass man mich entdeckt.
Da höre ich des Kaisers zornige Rede: »Immerwährender Neid war, Ludwig, Sohn des Hermann, des Wankelmütigen, stets dein Begleiter, wenn du in heuchlerischer Absicht, mein Freund zu sein, mir nahe kamst. Voll Missgunst hast du mir Treu und Gefolgschaft angelobt.«
Ludwig ist aufs Lager zurückgefallen, als wäre ein Sturm über ihn hinweggebraust.
Mit wilden Augen starrt er auf den Kaiser, bewegt die Lippen, doch Friedrich steigert seine Stimme:
»Nach meinem Thron hast du gegeifert. Deshalb schickte ich dich gen Osten, in den Krieg mit deiner Schwester, zu zähmen dieses thüringischen Löwen Kraft und Feuer.«
»Ich kämpfte für meinen Vater und für Euch. Und Euch, mein Kaiser, ward ich immer, so schwöre ich im Lichte des Höchsten Angesicht, von Herzen zugetan.«
»Beweise es«, der Kaiser schwankt, stützen muss ihn sein Mohr. Der Schweiß rinnt ihm von der Stirn und färbt das rote Gewand dunkel an Hals und Schulter. Bleich aber ist mein Ludwig. Ich knie vor ihm, ich bete, ich halte das Kreuz gegen den Antichrist. Ach, welch ein Abgrund, dem ich als Zeuge zugeraten, was soll denn hier bewiesen sein?
Nach einer furchtbaren Stille höre ich jene Stimme Ludwigs, die nur seiner Gemahlin gegolten hatte, nie sprach er so sanft zu anderen. Aber nun erklingt sie: »Ich fühle den Tod nahen, nehmt Euch, mein Kaiser, meines Weibes an. Schützt sie vor Meister Konrads Hand, wenn ich es nicht mehr kann!«
Ich halte die Augen geschlossen, nicht mehr diesen Anblick ertragen.
Da, plötzlich, ein Hohngelächter. Allmächtiger, bewahre uns vor diesem Kaiser. Doch nun richtet sich Ludwig mit meiner Hilfe auf, ich stütze ihn, schwer liegt er auf mir. Mit schrecklicher Stimme weissagt er: »Den Bruder sehe ich an deiner Statt, den Bruder Heinrich Raspe, gekrönt mit deiner Krone.«
Ein Schlag trifft Ludwig am Kopf. Über den Boden rollt der Becher, und dunkle Flüssigkeit färbt den Teppich. Der Kaiser stürzt hinaus, ihm folgt der Muselman.
Wir sind allein.
Ludwigs Blut rinnt wie Wasser aus einer Wunde auf seiner Stirn.
Oh Herr, reißt nicht die Binde ab, die das Blut stillen soll. Drum setz ich Euch den Helm auf, das Leintuch bleibt fest darunter. Das Schwert gebe ich Euch in die Hand. Das Kreuz liegt auf der Brust.
Mir scheint, als schiebe sich eine zarte Hand darunter. Sie ist es, sie hält ihren Ritter auf ihrem Schoß. Gegrüßt seist du, Elisabeth!
Schwach geht sein Herz, langsamer, immer langsamer.
Kein Atem mehr.
Stille.


Elke Therre-Staal, 1943 im damaligem Westpreußen, heute Polen, geboren, in Westdeutschland aufgewachsen, promovierte Psychiaterin und Psychotherapeutin. Preisträgerin für eine Kurzgeschichte 2003 der Hamburger Axel Andersson Akademie, Lyrikveröffentlichungen in Anthologien 2003, 2004, 2005, 2006 in der Nationalbibliothek des Deutschen Gedichtes, in der Literareon Lyrik-Bibliothek, im Jahrbuch für das neue Gedicht 11. September der Brentano-Gesellschaft 2006, in Poesie 21: »Ein Teddy aus alten Tagen«, 2007.
Kurzgeschichten in folgenden Anthologien: »Plötzlich hatte die Welt wieder vier Himmelsrichtungen«, Edition Schreibtisch, »Von der Zärtlichkeit des Übermorgen«, AF Verlag, »Begegnungen«, editionleselust, »Unheilige Gedanken zur heiligen Elisabeth«,Verlag Schroeder.

Veröffentlicht am: 29.09.2008