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Bester Beitrag der Anthologie 2009 "Begegnungen"

Krischi Malenke
Nicht weniger


Ich will Sommerstrandmeeresleuchten.
Will Sex am Strand.
Sand und deine Hände an meinem Körper.
Und Sterne im Kopf und drüber.
Will kühles Meer und warme Stellen.
Will Feuer und mich verbrennen.
Will Narben davon tragen und selber zufügen.
Will in Quellen vor Freude jauchzen.
Und Blumen im Haar tragen.
Will Muscheln sammeln und jede einzelne dir schenken.
Ich will kleine Tode.
Den ganzen Tag mit dir Früchte essen und süßen Saft
aus Kokosnüssen trinken.
Will Sonnenverbrannte Haut küssen und Wunden pflegen.
Will Cocktails am Meer schlürfen
und dabei jederzeit unter dein Hemd dürfen.
Will träumend am Strand liegen
und aufwachen und deine Arme um mich wissen.
Will deine Lippen wund küssen.
Und Nächte ohne Morgen erleben.
Will kitischig grausame Sonnenuntergänge
ohne die verdammten Zwänge.
Ohne will ich? Will er?
Nur mit gib mir mehr!
Mehr Meer mehr
von Wellen
von dir
von Bewegungen
von Berührungen
von Oh und von Ah
von dir und mir.
Und, und,
und endlich mehr von dir.
Als Samstagnacht.
Als Sonntagmorgen.
Ich will Urlaub in der Realität.
Will Regen auf warmer Haut.
Will deine Arme am Mittwochmorgen.
Will weißen Körper vor grauem Himmel.
Und verdammte Scheiße deinen.....Geist.
Ich will streiten bis Teller fliegen.
Kein Auge zu kriegen.
Ich will zur Medusa werden.
Dich beißen bist du blutig in meinen Armen liegst.
Ich will Versöhnung feiern von Montag bis Sonntag.
Und mich in diesem Kampf nicht fragen, ob ich zu viel wage.
Ich will multiple Sicherheiten.
Ich will nichtig wichtig Kleinigkeiten.
Ungezähmte Widerwilligkeiten.
Widerwillen will ich immer wieder wollen.
Denn wollen will ich immer wieder
Mehr.


Krischi Malenke, geboren 1985 in Eutin.
Nach 19 Jahren in der kleinen Stadt Plön zog es Krischi Malenke nach Hamburg, wo sie heute lebt, liebt und arbeitet.
Unser Autor Harry Banaszak im Magazin »Willie´s« – Ausgabe 07/2009
Bester Beitrag der Anthologie 2008 "Begegnungen"

Elke Therre-Staal
Das Ende von Ludwig von Thüringen

Diener: »Er ist ohnmächtig. Fühlst du seine heiße Stirn? Er zittert. Binde ihm die Beine zusammen, fester! Und nun aufs Lager heben. Er kommt zu sich, er schlägt um sich.«
L: »Weg, Satan, weg!«
Diener :»Herr, wir heben Euch ins Bett. Ihr seid krank!«
L: »Fort, Gewürm! Nehmt mir die Fußfessel ab!«
Diener: »Wie stark er ist. Er hat die Bänder zerrissen.«

1.Tag
Herr, Ihr taumelt. Stützt Euch auf mich. Pass doch auf, du Tölpel, siehst du nicht, wie ihm die Beine wegknicken? Helft uns, Ihr hohen Herren. Unser lieber Herr Ludwig ist ohnmächtig geworden.
Weg von meinem Herrn! Nur ein christlicher Arzt darf zu ihm, das habe ich der Gräfin versprochen. Ein Heide ist dieser Muselmane, er gehört auf den Scheiterhaufen. Er fühlt den Puls, er besieht seine Zunge, was murmelt er so Unverständliches? Er reicht unserem Herrn einen Trank. Herr, trinkt es nicht! Eure Gemahlin hat es verboten. Spuckt das Hexengebräu aus. Wir werden Euch an Land bringen, fern vom Falkenauge des Kaisers. Der hat seine Seele doch schon dem Teufel verschrieben. Wie ich höre, ist er auch erkrankt.
Nein, es geht nicht nach Hause, Herr. Wir sind weit weg von unserer Heimat. In Otranto sind wir, im Süden Italiens. Morgen wollt Ihr in See stechen, die Galeassen sind bereit, die Ruderer vollständig an der Zahl und angekettet. Gerade werden die Proviantfässer an Bord gebracht. Hört Ihr sie? Sie singen, als wäre die Arbeit dann leichter. Andere Menschen hier in Apulien, wie Kinder.
Verzeiht, Herr, dieses harte Boot bietet kein weiches Lager. Die Fahrt müsst Ihr noch überstehen. Heftige Krämpfe werfen Euch hin und her, das Boot kentert gleich. Ihr müsst erbrechen? Junge, halt ihn fest, er droht über Bord zu stürzen. Da kommt das opulente Mahl aus seinem Mund geschossen, gänzlich unverdaut. Ihr habt gespeist nach Art des Kaisers, viele Gänge, die Gewürze, das seid Ihr nicht gewohnt. Gute thüringische Kost ist es, was mein Herr braucht. Ihr seid gewisslich vergiftet durch die schwarzen Hände dieser kaiserlichen Köche und durch ihre magischen Gewürze.
Mein Junge wird Euch afterwärts säubern, Wasser ist genug da. Und wie warm es ist!
Die Mücken aus den Sümpfen sind eine rechte Plage, besonders abends. Die Herbststürme haben noch nicht begonnen.
Tolpatschiger Bub! Musst du den Eimer leeren, wenn wir gerade anlegen? Herr, vergib dieser Kreatur. Am heimatlichen Hofe hättet Ihr längst meinen Kleinen gezüchtigt. Ihr seid so anders, edler Herr!
Junge, er verdreht die Augen. Lauf! Hol ein paar starke Männer. Unser Herr ist nicht leicht, und hat noch zugelegt nach dieser Reise mit dem Kaiser. Hier geht es anders zu als am Hofe zu Eisenach, wo die Gräfin die Bissen zählt, auf dass die Armen vor den Toren noch genug bekommen von der fürstlichen Tafel.
Euch ist nicht wohl? Ihr glaubt zu sterben? Nach einem Arzt habe ich schon gesandt. Der dunkle Muselman wollte Euch einen Trank geben und mir zur Vorschrift sagen, was Ihr essen oder eben nicht essen und trinken solltet, Diät benannte er das.
Ich habe gesehen, als wir noch in deutschen Landen waren, wie er einer armen Frau Knoblauch und Senf verbot. Dabei war sie vom Dämon besessen, der erst ausfahren konnte, als der christliche Arzt ihr den Schädel eröffnete. Da ward ihre Seele gerettet.
Ihr zittert, die Zähne schlagen aufeinander. Ihr friert, als wären wir im Lausitzschen Winterlager. Wir hüllen Euch in Decken. Schlaft, Herr! Möge Gott, der Allmächtige, Euch bis morgen die Kraft geben für die große Fahrt ins Heilige Land und für den Kampf gegen die Ungläubigen.

2.Tag
War das eine Nacht. Geschrien hat der Herr, der Kopf würde ihm gespalten, er tobte, als wäre er im Schlachtgetümmel. Wir haben ihn fesseln müssen, denn er schlug sich mit dem Kopf an die Wand blutig. Aber diese roten Flecken am Körper sind erst heute Morgen gekommen.
Glaubt mir, Herr, nur ein Aderlass kann Euch noch helfen. Ihr seid voll von schwarzem Gift, Euer Stuhl zeigt es, Eure Finger und Zehen verfärben sich schon.
Habt Ihr wegen der Schmerzen geschrien! Mich dünkte, Ihr hättet Eurem ehrwürdigem Vater Rede und Antwort gestanden. Er habe noch keinen Frieden gefunden, so sprach er aus Eurem Munde. Er war voller Anklagen, Ihr habet ihn bei der blutigen Rache Ottos im Stich gelassen, Verräter nannte er Euch, Ihr hättet Euch gegen ihn gewandt. »Der Sohn gegen den Vater«, so schrie er. So schriet Ihr. Versprochen habt Ihr ihm, nach der Rückkehr ein prächtiges Grabmal für ihn zu bauen. Gewimmert habt Ihr, Ihr hättet doch alles in seinem Sinne getan, sogar den Zwist mit dem Erzbischof zu Mainz hättet Ihr seinetwegen gewagt. Ich habe Euch das Kreuz auf die Brust gelegt, da ward Ihr ruhiger. Habe jeden Winkel ausgeleuchtet, gebetet haben wir an Eurem Bett. Seht, welch edle Gefolgschaft um Euch versammelt ist. Man will Euch sagen, dass heuer kein Schiff den Hafen verlassen wird.
Hört Ihr die Glocken? Trauer ist angeordnet.
Eine Kunde hat uns alle entsetzt: Des Kaisers Gemahlin ist in Brindisi im Kindbett gestorben. Gott hat seine schützende Hand über das Kind gehalten, es lebt. Aber der Kaiser hat jedwede Tätigkeit für heute verboten, so auch die Wasserträger.
Ich gebe Euch Wein, Eure aufgerissenen Lippen haften am Becherrand, die Zunge ist geschwollen, ich benetze Euch mit einem getränkten Tuch.
Ich soll die Herren fortschicken? Ich aber bleibe bei Euch, habe es der Fürstin versprochen. Werde mich vor Euch werfen, wenn ein krummsäbeliger Teufel Euch niedermetzeln will.
Der Medicus spricht, Ihr sollt Euren Urin trinken. Aber Ihr könnt ja nicht Wasser lassen, wie soll ich ein leeres Gefäß füllen mit heilsamem Trank?
Der Bote vom Kaiser will Euch sprechen. Ich werde ihm sagen, Ihr seid zu schwach, um vor den Kaiser zu treten und ihm Eure Trauer um den Heimgang seiner Gemahlin Isabella darzubringen. Warum schaut Ihr so wild?
Weil der Bote berichtet hat, dass auch der Kaiser darniederliegt? Ihr denkt an Eure Gemahlin, die auch guter Hoffnung ist und in Bälde niederkommt? Es ist Euer drittes Kind, sie kennt schon die Prozedur, sie ist eine tapfere, starke Frau und sie steht unter Gottes Schutz, Herr!
Aber Isabella, wie jung die Ehe noch war, Tod nach drei Jahren Gemeinschaft mit dem Jungen aus Apulien. So spricht man von ihm, wisst Ihr das nicht? Wie ein Kind, das den Fliegen die Beine ausreißt, so hat er Experimente gemacht mit Menschen, als wäre er Gott selber. Und oft hat er die höfischen Sitten missachtet, denkt nur an Euren Ritterschlag. Keine Schwertleite wie zu Lebzeiten Eures Vater erblickte ich. Ich schwör’s, Euer erlauchter Vater empfing den wuchtigen Schlag, breitbeinig wie eine thüringische Eiche stand er da und wankte nicht. Aber Friedrich muss ja überall neue Sitten einführen und zu Regeln erklären, die dann allerstrengstens geahndet werden. Nur gerade angetippt hat er Euch mit dem Schwert, wie erging es Euch, so wenig gefordert in Eurer kampfbereiten Mannbarkeit? Euch liegt doch das Schwert wie ein Freund in der Hand, mein starker, großer Herr Ludwig!
Und was auf des Kaisers Mantel steht, magische fremde Worte, so trat er bei der Krönung Gottes Stellvertreter entgegen. Ist er nicht auch gesandt vom Fürsten der Dunkelheit? Herr, jetzt kann ich es ja bekennen, Eure liebe Gemahlin hat große Angst um Euch, nicht nur allein wegen der Gewalt der Heiden, denen Ihr Euch tapfer entgegenwerfen werdet. Sondern auch um den Einfluss des Kaisers, der alles studiert (Faust!!) und doch ein unglücklicher Mann ist, in Gottesferne vereinsamt ohne seinen himmlischen Vater. Sein Apulien, spricht er, das Land, wo die Zitronen blühen, als hätte er nie einen festen deutschen Apfel gekostet.
Ach Herr, ich rede und Euch hat das Fieber im teuflischen Bann. Wie? Ihr wollt dem Kaiser einen Brief senden? Ich rufe nach dem Schreiber.
Lasst mich, bis er kommt, Euch betten, habt alles mit Eurem Schweiß durchtränkt.
Dass Ihr noch diesen Saft habt, wo doch der Aderlass so viel erbrachte, dass ich voll Hoffnung eine Wende in Eurem Befinden zu spüren glaubte.

3.Tag
Wie ruhig unser Herr die Nacht verbrachte. Rosig sind seine Wangen! Doch sieh, die roten Flecken sind wie große Rosen zusammengeflossen. Nein, nein, mein Junge, es ist nicht der Tod, der hier sein Signum zeichnet. Das Leben ist es, über Nacht zurückgekehrt. Meine Gebete sind erhört. Da, will der Antichrist wieder an Euer Krankenlager, will wegnehmen die Kraft, die gerade wiederkehrt? Ich lasse es nicht zu. Oh, gnädiger, durchlauchtigster Kaiser, verzeiht, ich sah Euch nicht hinter des riesigen Mohren Gestalt. Ich bin unwürdig, Eure Füße zu küssen. Gnade, Herr Kaiser! Ihr wollt Wasser für den Kranken? Holt Wasser für den Heilkundigen aus den fernen Landen. Ich gehe lieber selbst, ich lasse Euch allein, nur ungern, aber wenn Herr Ludwig es will. Ich sehe es an Eurem Blick, fast seid Ihr wieder der Alte, dieses kühne Feuer, wie gut kenne ich ihn, habe ihn doch begleitet sein Leben lang, als er noch ein Knabe war, lag es in meiner Obhut, ja, ja, ich gehe schon.
War ja nun nicht mal zwei Stunden fort, habe mich gereinigt und etwas zu mir genommen, da höre ich schon von weitem das Schreien.
»Elisabeth«, er ruft nach ihr. Oh welche Qual, was tue ich. Diese jammervolle Stimme. Er wolle nicht sterben. Ich muss zu ihm. »Nein, Herr, Ihr sterbt doch nicht. Das sind die Rosen der Liebe, Eure Gemahlin schickt sie Euch, sie hat das Lager damit geschmückt und nun leuchten sie auf Eurer Haut. Seht nur, Herr!«
Was ist das für ein dunkler Trank? Der Kaiser trinkt auch davon, man solle auch Ludwig alle zwei Stunden davon geben, befiehlt er mir. Ach, wie soll ich vor Gott bestehen, das ist doch das Elixier des Teufels. Doch welche Stimme dröhnt aus Ludwigs Leib?
»Nach qualvollem Verrat wirst du den Sohn bestatten!« Grauen kömmt mich an, er weist auf Friedrich mit zitternder Hand, er hat sich aufgerichtet, diese Kraft ist unnatürlich, es ist das Gebräu, ich ducke mich an der Wand entlang, ich muss den Trank entfernen, ohne dass man mich entdeckt.
Da höre ich des Kaisers zornige Rede: »Immerwährender Neid war, Ludwig, Sohn des Hermann, des Wankelmütigen, stets dein Begleiter, wenn du in heuchlerischer Absicht, mein Freund zu sein, mir nahe kamst. Voll Missgunst hast du mir Treu und Gefolgschaft angelobt.«
Ludwig ist aufs Lager zurückgefallen, als wäre ein Sturm über ihn hinweggebraust.
Mit wilden Augen starrt er auf den Kaiser, bewegt die Lippen, doch Friedrich steigert seine Stimme:
»Nach meinem Thron hast du gegeifert. Deshalb schickte ich dich gen Osten, in den Krieg mit deiner Schwester, zu zähmen dieses thüringischen Löwen Kraft und Feuer.«
»Ich kämpfte für meinen Vater und für Euch. Und Euch, mein Kaiser, ward ich immer, so schwöre ich im Lichte des Höchsten Angesicht, von Herzen zugetan.«
»Beweise es«, der Kaiser schwankt, stützen muss ihn sein Mohr. Der Schweiß rinnt ihm von der Stirn und färbt das rote Gewand dunkel an Hals und Schulter. Bleich aber ist mein Ludwig. Ich knie vor ihm, ich bete, ich halte das Kreuz gegen den Antichrist. Ach, welch ein Abgrund, dem ich als Zeuge zugeraten, was soll denn hier bewiesen sein?
Nach einer furchtbaren Stille höre ich jene Stimme Ludwigs, die nur seiner Gemahlin gegolten hatte, nie sprach er so sanft zu anderen. Aber nun erklingt sie: »Ich fühle den Tod nahen, nehmt Euch, mein Kaiser, meines Weibes an. Schützt sie vor Meister Konrads Hand, wenn ich es nicht mehr kann!«
Ich halte die Augen geschlossen, nicht mehr diesen Anblick ertragen.
Da, plötzlich, ein Hohngelächter. Allmächtiger, bewahre uns vor diesem Kaiser. Doch nun richtet sich Ludwig mit meiner Hilfe auf, ich stütze ihn, schwer liegt er auf mir. Mit schrecklicher Stimme weissagt er: »Den Bruder sehe ich an deiner Statt, den Bruder Heinrich Raspe, gekrönt mit deiner Krone.«
Ein Schlag trifft Ludwig am Kopf. Über den Boden rollt der Becher, und dunkle Flüssigkeit färbt den Teppich. Der Kaiser stürzt hinaus, ihm folgt der Muselman.
Wir sind allein.
Ludwigs Blut rinnt wie Wasser aus einer Wunde auf seiner Stirn.
Oh Herr, reißt nicht die Binde ab, die das Blut stillen soll. Drum setz ich Euch den Helm auf, das Leintuch bleibt fest darunter. Das Schwert gebe ich Euch in die Hand. Das Kreuz liegt auf der Brust.
Mir scheint, als schiebe sich eine zarte Hand darunter. Sie ist es, sie hält ihren Ritter auf ihrem Schoß. Gegrüßt seist du, Elisabeth!
Schwach geht sein Herz, langsamer, immer langsamer.
Kein Atem mehr.
Stille.


Elke Therre-Staal, 1943 im damaligem Westpreußen, heute Polen, geboren, in Westdeutschland aufgewachsen, promovierte Psychiaterin und Psychotherapeutin. Preisträgerin für eine Kurzgeschichte 2003 der Hamburger Axel Andersson Akademie, Lyrikveröffentlichungen in Anthologien 2003, 2004, 2005, 2006 in der Nationalbibliothek des Deutschen Gedichtes, in der Literareon Lyrik-Bibliothek, im Jahrbuch für das neue Gedicht 11. September der Brentano-Gesellschaft 2006, in Poesie 21: »Ein Teddy aus alten Tagen«, 2007.
Kurzgeschichten in folgenden Anthologien: »Plötzlich hatte die Welt wieder vier Himmelsrichtungen«, Edition Schreibtisch, »Von der Zärtlichkeit des Übermorgen«, AF Verlag, »Begegnungen«, editionleselust, »Unheilige Gedanken zur heiligen Elisabeth«,Verlag Schroeder.
Anthologie 2008 – Begegnungen

Jahresanthologie in Lyrik und Prosa – Begegnungen 2008

Ausschreibung für Jahresanthologie in Lyrik und Prosa unter dem Titel »Begegnungen«.
Es werden Geschichten und Gedichte gesucht, die zum obigen Titel passen.
Einsendeschluss: 15. April 2008, Erscheinungstermin: Ende Juli 2008.

Liebe Autorinnen und Autoren, diese Anthologie die jetzt zum zweiten mal aufgelegt wird, soll Mitte des Jahres erscheinen. Ein Textbeitrag pro Ausgabe wird von einer neutralen Jury ermittelt und mit einem Preisgeld von 250,00 € prämiert. Zur Teilnahme sind Sie herzlich eingeladen.

Die Teilnahmebedingungen laden Sie sich bitte als pdf.-Datei vom Server, ausdrucken und unterschrieben an uns senden.

Bester Beitrag der Anthologie 2007 "Begegnungen"

Ursula Mayer
Leben - nur ein Augenblick?

Gibt es etwas auf dieser Welt, das keinen Schatten hat? Alles ist Leben, alles hat eine Seele, alles einen Schatten. Jeder sieht ihn, wenn Licht auf den Träger der Seele fällt. Auch, wenn er nicht zu sehen ist, weil das Dunkel um uns ist, ist er doch stets eins mit dem, dem er angehört. Bei den Seelen ist es umgekehrt. Untrennbar verbunden mit dem Körper, in dem sie wohnen, sind sie das Licht in uns. "Seelen" die stille Sprache unseres Herzens; macht- und besitzlos, haben nichts zu geben, was wäg- und messbar ist - doch sie sind die Wahrheit des Lebens. Ihr einziges Verlangen: den Menschen, dem sie angehören, glücklich zu sehen. Gehen jeden Weg mit ihm, sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert - haben keine Waffen, keine Werkzeuge, nur sich selbst. Und die unbe-grenzte Fähigkeit zur Freude, zum Leid. - Das ist alles. - Eine frohe Seele lässt den Körper, in dem sie wohnt, im Licht stehen, er strahlt, verbreitet Lichtvolles - wenn die Seele Leid verspürt, so muß sie Schatten über uns werfen - Dunkel, Leere, Trauer und Schmerz sind die düsteren Begleiter, die Seele weint. - Soll eine Seele die Erde besuchen, bekommt sie einen Menschen. Ein Menschenkleid wird ihr übergeworfen, in dem sie wohnen wird. Jeder Körper verfügt über sichtbare und unsichtbare Eigenschaften. Mit den sichtbaren ist es so eine Sache. Jeder kennt das. Da hat man nun etwas bekommen, das man sich beileibe nicht ausgesucht hat! Sein Äußeres! Ein Haus also, dem man zugewiesen wird mit der Auflage, es so zu nehmen, wie es ist, an einem zugewiesenen Platz, mit kompletter Inneneinrichtung. Man ist verantwortlich für Erhaltung und Pflege. Kann nicht wechseln, austauschen, verkaufen - nicht einmal gewinnbringend vermieten! Fazit: Man kann es nicht verlassen. Denn es gibt keinen Ersatz dafür, man ist sozusagen obdachlos! Bestenfalls kehrt man dahin zurück, wo man hergekommen ist mit der vagen Aussicht, woanders einquartiert zu werden, wo es vielleicht noch weniger angenehm ist. - Kaum hat man es bezogen, sich umgeschaut, versucht, sich behaglich zu fühlen, stellt man jede Menge Mängel fest. Mängelrügen müssen erfolgen, bevor man ein Objekt übernimmt. Es gibt sohin keine Chance auf Behebung durch den Vermieter. Es gibt ausschließlich die begrenzten Möglichkeiten, selbst, auf eigenes Risiko und eigene Kosten, Änderungen vorzunehmen. Was passiert also? Manche versuchen, ihr Haus neu auszustatten, umzugestalten, Fassaden zu verändern und zu erhalten, dass es ungebraucht, nicht abgewohnt aussieht. Und vor allem die Reparaturspuren zu verbergen. Jeder fragt: Wie machst du das, daß dein Haus so jung aussieht?! Andere legen keinen Wert auf äußere Repräsentanz, einige, weil sie meinen, es lohne nicht, auch nur ein Quentchen Aufmerksamkeit in ein gemietetes, nicht gewolltes Objekt zu stecken. Einige gehen gar grausam mit ihrem Quartier um und machen über kurz oder lang eine Ruine draus, in der es höchst schlecht und unbequem zu wohnen ist. Der Mensch wird krank. Sehr viele Menschen vergessen gerne, dass sie nicht allein wohnen - dass ihre Seele mit ihnen wohnt. Diese wahrhaft armen Seelen führen ein trauriges Schattendasein. Sie weinen, niemand sieht ihre Tränen, sie werden dunkel. Ihr Kummer, dass sie das Haus ihres Menschen nicht mit strahlendem Licht erfüllen können, ist unsagbar. Hin und wieder begegnen diese dunklen Menschen anderen, die das Geheimnis ihrer Seele gefun-den haben und mit ihrem Licht, ihrer lebensspendenden Wärme alles erhellen. Für viele dieser armen Seelen hat so eine Begegnung schon die Rettung aus trüber, auswegloser Dunkelheit bedeutet. Manche Menschen merken viel zu spät, dass sie solch lichtvollen Wesen begegnet sind. Die ihr Licht gerne teilen würden, damit jeder stärker leuchte. Diese Menschen halten ihr Licht lieber geheim - wollen nicht teilen, nicht gemeinsam leuchten, lieber allein weitergehen. Solche Menschen müssen noch lange weiterwandern auf ihrem Weg, auch wenn er nicht mehr ganz so im Dunklen liegt.

Sie saßen einander gegenüber - der Mann und die Frau - vor Minuten waren sie noch Fremde. Zusammengewürfelt am gleichen Ort, jeder mit einer Aufgabe betraut, ohne Berührungspunkte. Das Leben hatte für sie bislang nur kurze, zufällige Begegnungen bereit. Für Sekundenbruchteile verfingen sich ihre Augen, wenn sie sich gegenüberstanden. Augen und Blick fanden sich in lächelnder, geheimnisvoller Selbstverständlichkeit. Gleich einem Lichtstrahl, der sich im Prisma der Iris des anderen aufteilte zu einem Farbenspiel, dessen Intensität sich nur ertragen ließ, weil er in der Sekunde des Erlebens bereits vergangen war.

Die Frau hatte ihren Aufenthalt grundlos, spontan abgebrochen, reiste ab, der Mann bat, sich ihr anschließen zu dürfen. Sie gingen zusammen. Ihre Schritte glichen Zahnrädern, die mit ruhiger Präzision den eigenen Kreis um den eigenen Mittelpunkt drehten. Drehung um sich selbst setzt anderes in Bewegung - findet sich für Momente zusammen, fügt sich ein in die Materie des anderen, verbindet und trennt sich im gleichen Augenblick. Beide spürten eine unerklärliche Vertrautheit, die sie einander nicht mitteilten. Die Frau stieg in den Zug, als wäre dieses Gebilde aus Stahl, Eisen und Elektrizität - den Bauch prall gefüllt mit atmosphärischen Rückständen zahlloser Identitäten, Schicksalen, Begegnungen - als wäre dieser Zug der paradiesische Platz, den sie niemals mehr verlassen müsste. Der Mann behütete und geleitete sie mit freudigem Stolz, sorglich, achtsam, er fühlte, bereits am Anfang dieser Reise dort angekommen zu sein, wohin er gehörte. Lachend plaudernd, ihre lockere Leichtigkeit scheinbar unbefangen vor sich her tragend, waren sie doch, jeder für sich, wachsam. Bemüht, das Gegenüber diese selige Vertrautheit nicht spüren zu lassen. Der Mann erging sich in ausführlichen Schilderungen beruflicher Erfolge und der weniger erfolgreichen Ehe. Er brillierte mit zahllosen Anekdoten aus seinem Leben. Die Frau zeigte amüsierte Gelassenheit, gepaart mit jenem anziehend-herausfordernden Lächeln, das den beeindruckenwollenden Erzähler nie aus der Gewissheit entlässt, freundlich angehört und doch nicht ernst genommen zu werden. - Unmerklich für die beiden kamen ihre Seelen zum Vorschein, zaghaft, schattenhaft, von durchsichtiger Farblosigkeit. Zu viert saßen sie nun am kleinen Tisch des Speisewagens. Die ausgeklügelt platzsparende Enge bot keine Möglichkeit zur Wahrung sicherheitsspendenden körperlichen Freiraums. Leicht, mit der schwerelosen Selbstverständlichkeit des Blattes, das sich dem Lufthauch anvertraut, der es sicher zu Boden bringt, neigten sich die Seelen einander zu. Begannen zu fließen, eins zu werden in der Berührung. Leuchteten, nun nicht mehr grau. Das Spiel des Erkennens und Berührens ließ sie erstrahlen gleich einem Regenbogen, der alles umspannend aus dem Nichts kommt und sich im Nichts verliert. - Die Frau und der Mann hatten ihre Wachsamkeit verloren. Der Mann hörte sich über berufliche und private Visionen sprechen, wie selbstverständlich bezog er die Frau darin ein. Sie merkte nicht, dass sie völlig bereitwillig diesen angebotenen Platz an seiner Seite eingenommen hatte. Ihre Hände fanden sich gleichzeitig. Das verwunderte sie. Berührungen über das normale Begrüßungsmoment hinaus mochten sie nicht. Der Waggon wurde zu dem vertrauten, gemeinsamen Ort, der penibel eingehaltener Grenzen nicht mehr bedurfte. - Ein achtlos gesprochenes Wort ließ sie unsanft erwachen. Der glückliche Augenblick des Einsseins wurde jäh unterbrochen - die Seelen verblassten. Es schien, als winkten sie einander eine letzte lächelnde Botschaft zu - bevor sie in die graue Unsichtbarkeit zurückkehrten. - Vor dieser Begegnung war das Bestreben der zwei Menschen tatenreiches Bemühen um messbaren Erfolg gewesen. Beide hatten alles daran gesetzt, das Haus, in dem sie wohnten, so beeindruckend wie möglich zu gestalten, genossen es, bewundert, geachtet und geschätzt zu werden. Ihr Licht war hell, doch oft war es ihnen, als frören sie. Sie behandelten ihre Seelen wohlwollend, mit herablassender Gutmütigkeit. Gleich einem geduldeten Gegenstand, dem man ein gerüttelt Maß an ordentlicher Versorgung zukommen lassen musste, wollte man sich nicht mangelnde Pflichterfüllung vorwerfen. Alles, was diesem glanzvollen Vorwärtsschreiten hinderlich schien, wurde beiseitegeschoben, bestenfalls in Evidenz gehalten. So wandten sie sich im gleichen Augenblick voneinander ab, als sie spürten, dass der Wunsch, sich dem anderen völlig hinzugeben, auch das Verlassen ihres bislang so eifrig beschrittenen, großartigen Weges bedeuten würde. - Am Ende der Reise versicherten sie einander Abschiednehmend, im eigenen Leben unabkömmlich zu sein. In vollkommener Übereinstimmung und lächelnder Akzeptanz. -

Zuweilen, in den geheimnisvollen Stunden zwischen Tag und Nacht, wo die Zeit still zu stehen scheint, die Luft erfüllt ist mit dem Flüstern des Unsichtbaren in und um uns, treffen sich ihre Seelen auf dem Regenbogen aus Farben und Strahlen, den sie einst betreten hatten. Auf jenem Regenbogen, der alles umspannend aus dem Nichts kommt und sich im Nichts verliert, dem nicht endenwollenden Reigen der lichten Seelen. Im stillen Einverständnis, sich an der Erinnerung zu wärmen. An diesen einen Moment des Findens, Erkennens und Berührens, an den goldenen Augenblick des glücklichen Gebens und Verschenkens, dessen Intensität sich nur ertragen ließ, weil er in der Sekunde des Erlebens bereits vergangen war.
Jahresanthologie in Lyrik und Prosa "Begegnungen 2007"

Ausschreibung für Jahresanthologie in Lyrik und Prosa unter dem Titel "Begegnungen".
Es werden Geschichten und Gedichte gesucht, die zum obigen Titel passen.
Einsendeschluss: 15. Mai 2007, Erscheinungstermin: September 2007.

Liebe Autorinnen und Autoren, diese neue Anthologie soll jährlich im September erscheinen. Ein Textbeitrag pro Ausgabe wird von einer neutralen Jury ermittelt und mit einem Preisgeld
von € 250,00 prämiert. Zur Teilnahme sind Sie herzlich eingeladen.

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